Einleitung

Deutschland war ein Zentrum der russischen Emigration zwischen den Kriegen. Berlin war für die Jahre 1921 bis 1924 unbestreitbar die Hauptstadt der russischen Diaspora, die sich im Gefolge der Oktoberrevolution gebildet hatte. Mehr als eine halbe Million Menschen aus dem ehemaligen Zarenreich hielten sich Anfang der 20er Jahre im Deutschen Reich auf. Um dieses »Rußland jenseits der Grenzen« und auf deutschem Boden geht es in dem vorliegenden Band.

Das Anliegen der Chronik ist es, alle Daten und Ereignisse zu dokumentieren, die mit der Anwesenheit russischer Flüchtlinge und Emigranten auf deutschem Boden zwischen 1918 und 1941 verbunden sind. Die Chronik ergibt so fast Tag für Tag ein Bild vom Leben der russischen Gemeinde in Deutschland, ein beeindruckend vielfältiges und dichtes Bild der »community of despair« (R.C. Williams), wie es selbst die glänzendenste narrativ verfahrende Geschichtsschreibung kaum liefern könnte.

Seit dem Ende der Sowjetunion hat die Erforschung der russischen Emigration sowohl innerhalb wie außerhalb Rußlands einen großen Aufschwung genommen. Dafür gibt es im wesentlichen zwei Gründe: einerseits die Öffnung von Archiven, die bis dahin verschlossen oder nur einem ausgewählten Kreis von Forschern zugänglich waren; andererseits ein von ideologischer Gängelung weitgehend befreites und vertieftes Interesse an jener Geschichte, die bisher außerhalb seriöser Forschung geblieben oder durch Tabus blockiert war. Man kann von einem regelrechten Boom bei der Erforschung der russischen Emigration und bei der Heimholung der exilierten und expatriierten Namen und Traditionen sprechen. So erschienen in den letzten Jahren zahlreiche Nachschlagewerke und Enzyklopädien, die erstmals so etwas wie einen Gesamtüberblick über die menschlichen und kulturellen Verluste der russischen Emigration boten. Zu den Grundlagenarbeiten gehörte auch die Erschließung der Archiv- und Zeitungsbestände, ebenso wie die Edition der Korrespondenz des Herausgebers der in Berlin erscheinenden Zeitschrift Russkaja kniga, Aleksandr Jas¬c¬enko. Ein beispielhaftes Werk ist die Rekonstruktion des russischen Riga, die sich auf das erhalten gebliebene Archiv der Tageszeitung Segodnja stützen kann. Eindrucksvoll ist auch die Forschung zum Kosmos der Prager russischen, weißrussischen und ukrainischen Emigration. In ganzer Breite und mit großer Intensität entfalten sich monographischen Studien zu Einzelaspekten und Einzelpersonen der russischen Diaspora: zu ihren herausragenden Vertretern, zu Repräsentanten bestimmter Berufsgruppen, zu ihren politischen und kulturellen Strömungen und Parteibildungen. Die neue Arbeit ist eingebettet in die kulturellen Kontexte ihrer Länder: in Rußland in den Kontext einer - zuweilen ideologisch - forcierten Wiederaneignung, im »Westen« in den Kontext einer Selbsterforschung der Genealogie der pluralen und multiethnischen Kulturen der Moderne und der Metropolen.

Im Kontext der Emigrationsforschung ist die vorliegende Chronik eine Grundlagenarbeit, der ihrerseits, so hoffen wir, weitere Arbeiten folgen werden. Soweit wir sehen, steht das Vorhaben in einer Reihe mit ähnlichen Projekten zu anderen Zentren. Die Probleme, die der Gegenstand - die russische Diaspora als ein nicht nationales, sondern internationales Phänomen - für die Forschung aufwirft, liegen dabei auf der Hand. Man kann ihrer Geschichte nur gerecht werden, wenn man ihre Bewegung zwischen den Zentren, ihre Verlagerungen und Verschiebungen, ihre Wechselwirkung zu den verschiedenen Umgebungen berücksichtigt. Beides ist wohl nötig: die Geschichte der Emigration in den einzelnen Zentren zwischen Charbin und Paris, zwischen Konstantinopel und New York und die Geschichte ihres globalen Zusammenhangs. Inzwischen gibt es mehrere Einzeluntersuchungen zu verschiedenen Ländern und Hauptstädten. Aus der Blütezeit der russischen Emigra­tion in der Tschechoslowakei liegt eine Art Selbstdarstellung vor, die, soweit wir sehen, einzigartig geblieben ist. Zu nennen sind des weiteren die Arbeiten zu Paris, Berlin, Belgien, Jugoslawien und Riga. Das russische Presse- und Vereinsleben in Estland wie die kleine, aber bemerkenswert kompakte und über die Generationen hinweg existierende russische Gemeinde in Großbritannien sind Gegenstand von Monographien geworden. Eine andere Arbeit widmete sich dem russischen Presse- und Vereinsleben in Estland. Am nächsten kommt unser Projekt allerdings der Chronik, die für die russische Emigration in Frankreich erstellt worden ist.

Hauptanliegen der vorliegenden Chronik ist eine möglichst breite Erfassung aller Aspekte russischen Lebens, also sowohl der russischen »high society« als auch der »Kulturträger«, der politischen Organisation wie der Kirchengemeinden, der einzelnen Landsmannschaften wie der Aktivitäten von literarischen Zirkeln. Sie enthält die für das Leben der russischen Emigranten wichtigen Ereignisse, ganz gleich, ob sie den »Sparten« Politik, Kultur, Alltag oder irgendeiner anderen Rubrik angehören. Damit läuft diese Chronik auf die ideelle Reproduktion des Kosmos der russischen Emigrantenwelt in den 20er und 30er Jahren hinaus.

Der zeitliche Rahmen ist mit den Jahren 1918 und 1941 angegeben, was nicht ganz deckungsgleich ist mit der Bezeichnung »Zwischenkriegszeit«, da der Weltkrieg vor dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 begann. Wir haben diese Eckdaten gewählt, weil von einer relevanten Zahl russischer Flüchtlinge vom Winter 1918/1919 an zu sprechen ist, also von dem Augenblick an, da nach dem Ausbruch der deutschen Revolution auch die deutsche Herrschaft auf dem Territorium des ehemaligen russischen Kaiserreiches zusammenbrach und russische Flüchtlingsgruppen im Gefolge der sich auflösenden deutschen Militärverbände auf das Territorium des Deutschen Reiches gelangten; freilich nicht nur dorthin - auch die anderen Flüchtlingszentren im nordöst­lichen und mittleren Europa wie Tallinn, Riga, Kaunas, Warschau, Prag nahmen in jener Phase Gestalt an, um sich nach dem Zusammenbruch der Weißen Bewegung im russischen Bürgerkrieg im Herbst 1920 endgültig herauszubilden. Das Jahr 1939 war zwar eine wichtige Zäsur für die russischen Emigranten in Deutschland gewesen, da ihnen der deutsch-sowjetische Vertrag und der Beginn des Zweiten Weltkrieges empfindliche Einschränkungen ihrer Bewegungsfreiheit gebracht hatte, vielen unter ihnen allerdings auch die Erfüllung eines von allem Anfang an gehegten Wunsches - die Beseitigung der »Nachfolge«- und »Randstaaten« des Russischen Reiches. Dennoch haben wir das Jahr 1941 als Enddatum unserer Untersuchung gesetzt. Der Charakter des deutsch-sowjetischen Krieges - von deutscher Seite als Weltanschauungs- und Vernichtungskrieg, von sowjetischer Seite als »Großer Vaterländischer Krieg« verstanden, erlaubte keine Rückkehr mehr zum status quo ante. Im Verhältnis von Sowjetunion, Deutschland und russischer Emigration war ein dramatischer Endpunkt erreicht. So zahlreich und wichtig die Kontakte zwischen der alten russischen Emigration nach 1917 mit der nach 1941 beginnenden Flüchtlingsbewegung auch gewesen sein mögen: beide gehörten einem gar zu verschiedenen sozialen, politischen und kulturellen Kontext an, als daß man sie einer Flüchtlingsbewegung zurechnen könnte. Zutreffend spricht man daher von der »zweiten Emigration« in der Zeit nach 1941 bzw. 1945, deren Grundstock aus den Nichtheimkehrern nach 1945 bestand.

Die Chronik beschränkt sich auf das Staatsgebiet des Deutschen Reiches nach dem Ersten Weltkrieg. Wenn wir in einigen Fällen darüber hinausgegangen sind, dann aufgrund der engen Beziehungen der dortigen russischen Gemeinden zu denen im Reich. Das betrifft vor allem die russische Gemeinde in der Freien Stadt Danzig, einige wenige Einträge betreffen auch die Gemeinden in Bromberg, Posen und Wien. Die ganz überwiegende Datenmenge bezieht sich auf Berlin, das Zentrum der russischen Emigration nicht nur in Deutschland, sondern für die Jahre 1921 bis 1924 auch in Europa. Daneben lassen sich aber auch andere Schwerpunkte ablesen: Hamburg, Leipzig, Dresden, München, Köln, Wiesbaden.

»Russisches Leben in Deutschland« bezieht sich auf das Leben der russischen Emigration. Gegen diese Beschränkung könnten Einwände erhoben werden, war Deutschland in der Zwischenkriegszeit doch auch Schauplatz intensiver und umfangreicher sowjetrussischer Aktivitäten - von der Tätigkeit der lange Zeit größten und bedeutendsten diplomatischen Auslandsvertretung Sowjetrußlands, über die Reisen sowjetischer Schriftsteller und Gelehrter bis hin zu Aktivitäten führender Köpfe des Kominternapparats oder des Offizierskorps der Roten Armee. Dieser Bereich »russischen Lebens« in Deutschland, der nicht minder bedeutsam ist für die politischen und kulturellen Beziehungen, konnte in der Chronik nicht behandelt werden - er bietet Stoff für ein eigenes Forschungs- und Dokumentationsprojekt. Vermerkt sind allerdings Ereignisse dann, wenn sie für Aufmerksamkeit oder Unruhe unter den russischen Emigranten in Deutschland sorgten.

Die Chronik basiert mit wenigen Ausnahmen auf der Auswertung gedruckter Quellen, im wesentlichen des Lokal- und Regionalteils von Zeitungen und Zeitschriften. Dies hat in erster Linie pragmatische Gründe, nämlich der Begrenzung einer schnell uferlos werdenden Materialbasis. Memoirenliteratur haben wir nur ganz punktuell verarbeitet, Biographien in einigen wenigen Fällen. Angaben aus dem Tausende von Seiten umfassenden Tagebuch des Residenten der Vrangel'-Armee in Berlin, General Aleksej A. von Lampe, das er mehr als 20 Jahre penibel führte, konnten nur an einigen wenigen Stellen Eingang in die Chronik finden. In geringem Maße haben wir Informationen aus Sekundärquellen benutzt, meistens Standardwerke der Emigrationsforschung, wenn sie etwas zur Verdichtung des Bildes beitrugen.

Wir haben versucht, alle Periodika der russischen Emigration heranzuziehen, die wir in deutschen Bibliotheken und in Zeitungsbeständen in Prag und in Moskau durchsehen konnten. Es stellte sich rasch heraus, daß Haupt­informationsgeber die großen Zeitungen waren, die in einer gewissen Regelmäßigkeit und über einen längeren Zeitraum hin erschienen, während die Masse der durchgesehenen Zeitschriften für unser Vorhaben unergiebig war. Konkret bedeutet dies, daß die Chronik im wesentlichen aus den Zeitungen Rul', Dni, Novoe Slovo, Golos Rossii, Nas´¬ Vek und Novaja Russkaja Kniga zusammen­ge­stellt wurde. Sie waren von erfahrenen und verdienten Zeitungsleuten gemacht worden, die ihr Handwerk in der hauptstädtischen Presse des russischen Reiches erlernt hatten.

Zusammengenommen decken die großen Berliner russischen Zeitungen den von uns gewählten Zeitraum ab. Durchgesehen wurden auch die »odnodnevki«, also die »Eintags­fliegen« unter den Zeitungen. Man kann jedoch sagen, daß Parteiblätter und die nur kurz­fristig, oft nur ein- oder zweimal erschienenen Zeitungen sehr wenig Informationen für die Chronik ergaben. Schließlich spielte eine Rolle auch die Erreichbarkeit und Zugänglichkeit, manchmal auch Lesbarkeit des Zeitungsmaterials. Es war nicht leicht, vollständige Jahrgänge der verschiedenen Zeitungen aufzutreiben. Wenn deutsche Zeitungen - etwa das Berliner Acht-Uhr-Abendblatt - mit wenigen Einträgen vertreten sind, so um das Bild stellenweise zu verdichten.

Die Auswertung der Zeitungen und die Verarbeitung der Informationen für unsere Datenbank folgten einem einfachem Schema, das sich im Aufbau der gedruckten Chronik wiederfindet. Jeder Eintrag besteht aus der Zeitangabe, also die Angabe des Datums, die in vielen Fällen - etwa bei Lesungen, Konzerten, Theateraufführungen - auch die Uhrzeit einschließt. Ist die Zeitangabe in der Quelle vage oder nur näherungsweise zu erschließen - z.B. Anfang März 1921 -, dann ist das für die Einsortierung gewählte Datum mit einem * versehen. Der Eintrag umfaßt weiter eine Ortsangabe, also die Stadt, und wenn möglich auch genaue Adresse und Lokalität. Dies ist von besonderer Bedeutung für die Erschließung dichter Milieus und kultureller Topographien. Es folgt die Information über das Ereignis selbst (Versammlung, Ball, Theateraufführung, Vortrag, Gedenkgottesdienst, Lesung u.ä.). Der Titel von aufgeführten Werken in Oper, Theater, Konzert sowie im Falle von Dichterlesungen ist in der Regel im Original belassen, um Ungenauigkeiten zu vermeiden. Bei Vortrags­themen ist die Übersetzung hinzugefügt. Angegben ist in der Regel der Name der veranstaltenden und ausführenden Personen oder Organisationen. Wir haben die russischen Organisationsnamen übernommen, um Ungenauigkeiten und Verwechslungen, die durch eine Übersetzung möglich geworden wären, zu vermeiden. Eine deutsche Übersetzung der Organisa­tionsnamen, eine Auflösung der verwendeten Abkürzungen und Verweise auf unterschiedliche Benennungen gleicher Organisationen finden sich im Register. Am Ende des Eintrags ist die Fundstelle angegeben. Unten rechts schließlich findet sich die Nummer des Eintrags, auf die sich die Angaben der Register beziehen.

Sinn und Gehalt der Chronik erschließen sich nicht zuletzt über die Indizes, der systematischen Erfassung und Ordnung der die Ereignisse bestimmenden Organisationen, Orte und Personen.

Im Organisationsverzeichnis sind alle in der Chronik erscheinenden Organisationen erfaßt. Außerdem findet sich hier eine Auflösung der Abkürzungen von Organisationsnamen sowie eine deutsche Übersetzung der in der Chronik verwendeten russischen Orginalbezeichnungen. Häufig steckt hinter verschiedenen Organisationsnamen ein- und dieselbe Organisation. Viele der Emigranten-Organisationen wurden im Laufe der Zeit von losen Vereinigungen zu stabilen Institutionen. Entsprechend änderte sich der Organisationsname: Aus einem kruzˇok (Kreis) wurde ein sojuz (Verband), ohne daß wir den Zeitpunkt der Umbenennung in jedem Fall bestimmen konnten. Manchmal machten die Zeitungen von neuen Namen erst allmählich Gebrauch oder verwendeten statt der oft umständlichen und langen Organisationsbezeichnungen gängige Kurzformen. Wir haben auf vorschnelle Zusammenfassungen verzichtet, um Fehler und Vereinfachungen zu vermeiden. Der spezialisierte Benutzer der Chronik wird bei seinen Recherchen selbst rasch herausfinden, ob obs¬c¬estvo, kruz¬ok, sojuz, gruppa nur unterschiedliche Bezeichnungen für ein und denselben Organisationszusammenhang sind.

Es schließen sich drei topographische Indizes an: Das Ortsverzeichnis erschließt die Chronik nach den Orten, in der Regel den großen urbanen Zentren Deutschlands. Der weit überwiegende Teil der in der Chronik gesammelten Ereignisse bezieht sich auf Berlin. Aufgrund der Dichte russischen Lebens in Berlin erschien es uns lohnend, die Berliner Ereignisse gesondert zu erfassen. Während das Lokalitätenverzeichnis eine Orientierung entlang der Veranstaltungsorte erlaubt, ganz gleich, ob es sich um die legendären Berliner Hotels, um Konzertsäle, Kirchen, Schulen oder Bahnhöfe handelt, ordnet das Adressenverzeichnis den Datenbestand im engeren Sinne topographisch. Auf einen Blick offenbaren diese beiden Verzeichnisse, wo sich das russische Berlin konzentrierte, zeigen, welche Straßen und Plätze für die Eröffnung russischer Restaurants oder die Abhaltung von Versammlungen der russischen Vereine bevorzugt wurden; und sie verraten, wo sich das russische Berlin mit dem deutschen berührte und wo es sich separierte, um in eigenen Cafés oder Schulen in einer abgeschlossenen russischen Welt zu leben.

Das Personenverzeichnis schließlich erfaßt alle in der Chronik erscheinenden Personennamen. Hier war zunächst das Problem der Schreibweise zu lösen. Dieses Problem springt ins Auge, wenn man die hohe Zahl von Deutschbalten, russischen Juden, Rußland-, Moskau- und Petersburg-Deutschen in Betracht zieht, also ein gehäuftes Personal mit »Mehrfachidentitäten«. Auch ist nicht in allen Fällen vom Namen her eindeutig zu bestimmen, ob es sich überhaupt um einen Angehörigen der rußländischen Emigration handelt. Wir haben uns in der Regel für die Schreibweise in der russischen Quelle entschieden. Der Benutzer wird feststellen, daß manche Personen sowohl unter den Initialen von Vor- und Vatersnamen, als auch nur unter dem Vornamen, in einigen Fällen darüberhinaus auch zusätzlich allein unter dem Nachnamen erscheinen. Wir haben, wenn wir nicht mehr als nur vermuten konnten, daß es sich um ein und dieselbe Person handelt, auf Zusammenfassungen als eine potentiellen Fehlerquelle verzichtet.

Als gesonderter Teil findet sich die von Gottfried Kratz (Münster) erstellte Dokumentation der russischen Verlage in Deutschland für den Zeitraum 1918-1941, die selber integraler Bestandteil russischen Lebens waren, und deren Erforschung ein unverzichtbarer Teil jeder Emigrationsforschung ist. Gottfried Kratz hatte bereits 1987 ein Verzeichnis veröffentlicht, das den Zeitraum 1918-1928 umfaßte und Angaben zu 185 Verlagen enthielt. Das Novum der vorliegenden Untersuchung liegt nicht nur in der Form der Darstellung, sondern vor allem im zeitlichen Rahmen (1918-1941), in Zahl und Charakter der aufgenommenen Unternehmen (275 Verlage und Druckereien) sowie im Umfang der ausgewerteten Quellen (in Deutschland wie in Rußland/UdSSR). Die systematisch ausgewerteten Quellen (neben Bibliographien, Katalogen, Adressbüchern) erfassen nicht nur Fachzeitschriften wie das rsenblatt für den deutschen Buchhandel (1918-1942), sondern auch Presseorgane wie die Berliner »russische nationale Zeitung« Novoe Slovo (1933-1941). Hauptsächlich aber wurde das Berliner Handelsregister, wie es täglich im Deutschen Reichsanzeiger und Preuss. Staatsanzeiger veröffentlicht wurde, systematisch für den Zeitraum von 1917 bis 1929 durchgesehen und ausgewertet. In diesen Handelsregistereintragungen ist einzigartiges Material enthalten, das bisher in der Forschung nirgends berücksichtigt ist und dem angesichts des weitgehenden Fehlens von Archivmaterial besondere Bedeutung zukommt. Die aus dieser Quelle übernommenen Angaben zu »Sitz«, »Gegenstand« (d.h. Verlagsprofil), beteiligte Personen, Zeitpunkt von Gründung und Auflösung des jeweiligen Unternehmens erlauben Rückschlüsse auf räumliche und personelle Verbindungen zu anderen verlegerischen und verlagsfremden Organisationen, die weit über das hinausgehen, was bisher bekannt war.

Schließlich eine spezielle Bemerkung in eigener Sache. Der oberste Gesichtspunkt bei der Erstellung der Chronik war, daß sie informativ, nützlich und lesbar sein - und last but not least: daß sie erscheinen sollte, und zwar in absehbarer Zeit und nicht irgendwann. Bei einem Werk dieses Umfanges lassen sich Fehler und Ungenauigkeiten nicht vermeiden, sondern allenfalls so gering wie möglich halten. Wir haben unser Bestes getan. Es geht um Tausende von Daten und Namen, um Transliterationen und Zahlen, wo sich nur allzuleicht Flüchtigkeitsfehler einschleichen. Die vorliegenden Daten mußten herausgefiltert werden aus Abertausenden von Zeitungsseiten und Mikrofilmen. Manchmal hat die schlechte Qualität des Materials - viele Zeitungen befinden sich in einem Zustand des akuten Zerfalls und Zerbröselns -, auch die mangelhafte Qualität von Kopien und Mikrofilmen die Lesbarkeit stark reduziert und - fast unvermeidlich - Ungenauigkeiten nach sich gezogen. Das Projekt dauerte mehrere Jahre, die Arbeitsgruppe wechselte in ihrer Zusammensetzung. Selbst bei größtem Enthusiasmus gibt es Phasen, in denen die Sinnfrage gestellt wird. Und auch der sorgfältigste Arbeiter im Weinberg der Wissenschaften hat seine schwache Minute. Kurzum: Uns ist klar, daß das Werk seine Mängel hat. Dafür bitten wir um Nachsicht.

Wer von der Chronik Gebrauch macht, wird rasch bemerken, daß sie mehr ist als nur ein Nachschlagewerk. Man kann sie natürlich als das nehmen, was eine Chronik gewöhnlich auch ist: eine Aufzählung von Daten und Ereignissen. Man kann sie aber auch als etwas darüber hinausgehendes betrachten: als ein vom Leben gefügtes Labyrinth, in dem man sich bewegen und zurechtfinden muß. Diese Chronik führt in das Labyrinth russischer und deutsch-russischer Netzwerke und Beziehungen und damit heraus aus den Vereinfachungen politischer und ideologischer Lagerbildungen. In den bloßen und hier dokumentierten Ereignissen sind endlich die verborgenen Zusammenhänge zu entdecken, der »rote Faden«, der fast überall durchscheint. Es könnte sich dabei herausstellen, daß die bis dahin unsichtbar gebliebenen personellen Netzwerke dichter und fester gefügt waren als die organisierten politischen oder kulturellen Beziehungen, die längst geschichtsnotorisch geworden und allgemein bekannt sind. Die Chronik, richtig gelesen und richtig benutzt, ist mehr als ein Nachschlagewerk. Man findet in ihr nicht nur, was man zielstrebig sucht, sondern entdeckt darin das, was man nur entdeckt, wenn man sich vom Weg abbringen läßt.

Die Herausgeber